Montag, 19. November 2012

Besuche in Temuco und Valdivia







Schon wieder bin ich in den Süden gefahren. Diesmal ging es nach Temuco und Valdivia. Wenn man nach Temuco fährt, ist die Fahrtzeit fast ein bisschen zu kurz, um ganz gemütlich genug zu schlafen, um dann ausgeruht anzukommen.
Frauentreffen
Anlass meiner Fahrt nach Temuco war das Treffen der Frauengruppen der ILCH in der dortigen lutherischen Gemeinde. Die Gruppen nennen sich ADELMA. Dieses Wort steht für „Avancemos de la mano del Señor“ – Kommen wir voran/schreiten wir vorwärts/bewegen wir uns vorwärts durch die Hand des Herren. Die Frauengruppen widmen sich verschiedenen Aufgaben innerhalb ihrer Gemeinde. Sehr interessant ist zum Beispiel die Arbeit der Adelma-Gruppe aus Valdivia, die zum Teil dem Kindergarten und Jugendtreffpunkt „Hogar Luterano“ in einem Armenviertel Valdivias dient.
Kirche in Temuco
Das Gruppentreffen stand dieses Jahr unter einem sehr wichtigen Thema: „Brücken der Liebe bauen zwischen den unterschiedlichen Generationen unserer Kirche“. Neben Zeit zum Austausch und gemeinsamen Mahlzeiten gab es Vorträge zu diesem Thema. Ein Vortrag zeichnete verschieden Wege auf, wie diese Brücken gebaut werden können. Ein zweiter gab Denkanstöße zum vierten Gebot, welches uns dazu auffordert unsere Eltern zu ehren. Im vierten Gebot drücken sich wunderbar Pflicht und Nutzen der gegenseitigen Verantwortung der jüngeren und der älteren Generation aus Ich fand besonders spannend, dass auch darauf hingewiesen wurde, wie schwer es ist dieses Gebot zu erfüllen, wenn Eltern sich nicht um ihre Kinder gekümmert haben, sie gar misshandeln und nicht Verantwortung für sie übernommen haben. Eine Realität die nicht ignoriert werden darf. Wie schwer ist es dem anderem mit Liebe zu begegnen, wenn Liebe nie erfahren wurde.
Kirche in Valdivia
Mir fiel auch auf, wie sehr die Verständigung zwischen Jung und Alt durch gegenseitige Vorurteile eingeschränkt wird. Dies war schon immer eine Herausforderung, wie es Sokrates Aussage über die Jugend zeigt: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte…“ Und gerade darum ist es so wichtig immer wieder Brücken zu bauen und aufeinander zu gehen. Die Älteren bringen den Jüngeren Erfahrung und die Jüngeren sind die Zukunft.
Mich die Präsidentin von ADELMA gebeten die Taizéandachten vorzustellen. Ich sah dies auch als ein Medium, was jung und alt gefallen und einander näher bringen könnte. Es wurde mit Begeisterung gesungen.
Liebevolle Bastelarbeiten für den Hogar
Nach dem Treffen fuhr ich noch am gleichen Abend nach Valdivia bzw. nach Paillaco, wo ich auf eine große Farm (Ich kann schon nicht mehr von Bauernhof sprechen, das wäre viel zu klein und niedlich ausgedrückt.) zur Übernachtung eingeladen wurde. Am nächsten Tag, hielt ich in der lutherischen Gemeinde in Valdivia den deutschen Gottesdienst. Dies hatte ich schon lange mit meinem Kollegen Eldor Hamann aus Valdivia vereinbart. Nun setzten wir das Vorhaben endlich in die Tat um. Leider gab es in Valdivia Stromausfall, so dass ich mir sehr viel Mühe mit dem Laut-Reden geben musste, aber bei den meisten Besuchern kamen meine Worte doch recht verständlich an. Den Tag durfte ich dann noch nach chilenischer Sitte bei einem Asado im Pfarrhausgarten verbringen. Da hatte ich die Gelegenheit einige Gemeindemitglieder und eine Freiwillige vom Gustav-Adolf-Werk näher kennenzulernen, welche unter anderem im Hogar Luterano arbeitet. Eldor hatte außerdem einen Deutschen eingeladen, den er im Supermarkt kennengelernt hatte und der gerade in Valdivia war, weil er den Einbau Schiffsantrieben überwachen musste. Das macht er sonst vor allem eher im arabischen Raum oder in China und darum erzählte uns spannende Geschichten über seine Erfahrungen dort. Gekrönt wurde der Tag dann noch mit einer kurzen Fahrt nach Niebla, an die Küste, wo sich die Flüsse Valdivias mit dem Meer vereinigen.
Niebla, als ich 2008 schon mal dort war
Nun ist diese Reise schon wieder über eine Woche her und es gäbe anderes zu berichten. Davon bald ein anderes mal.

Sonntag, 4. November 2012

schmales Chile




Meinen Blog habe ich „leben-im-langen-land“ genannt. Das tat ich, weil die Wörter eine hübsche (fast-)Alliteration ergeben. Ich hätte ihn auch leben-im-schmalen-landen nennen können. Denn ja Chile ist so schmal, dass Berge und Meer nah beieinander liegen. Da am Donnerstag (Allerheiligen) und am Freitag (Reformationstag verschoben) Feiertage waren, haben wir Zeit gehabt, um die Schmalheit Chiles auszunutzen. Für mich ist die landschaftliche Vielfalt immer wieder aufs Neue unfassbar.
Santiago liegt ja zwischen Anden- und Küstenkordillere. Schon seit längerem habe ich mich gefragt, ob es in den Bergen Wanderwege gibt. Und tatsächlich man braucht mit dem Auto nur ein paar Minuten Richtung Berge fahren und schon stößt man auf verschiedene Parks mit Wanderwegen. Man hat einen schönen Blick auf Santiago. Durch einen der Parks führt ein Fluss und es gibt verschiedene Raststätten. Wenn man die Pfade in den Bergen hinaufkraxelt, glaubt man gar nicht, dass man in Chile ist. Bisher haben nur wenige das Wandern in den Bergen für sich entdeckt und man kann die Natur in Ruhe genießen und Vöglein zwitschern hören. Die Massen zieht es dagegen an langen Wochenenden an die Küste. Auch wir dachten: nutzen wir doch mal die kurze Distanz zum Meer und fuhren einen Tag in die Küstenstädte Valparaíso und Viña del Mar. Dort war es recht voll und als wir uns an den Strand setzen wollten, mussten wir sehr weit fahren, bis wir eine Parkgelegenheit fanden, die auch nicht weit weg von einem Strand war. Die Fahrerei hatte sich dennoch gelohnt, auch wenn wir am Ende gar nicht so lange am Strand saßen, denn es gibt nichts Schöneres als einmal wieder Kleckerburgen zu bauen, im Sand zu hocken und die Füße im Meer zu baden.

Montag, 29. Oktober 2012

Bürgermeister- und Kommunalwahlen in Chile




Wahlwerbung und schöne Berge
Schon viele Wochen haben die riesigen Schilder darauf hingewiesen. Am Sonntag den 28. Oktober war es dann endlich soweit. Es gab Kommunal-  und Bürgermeisterwahlen. Zum ersten Mal war es den Chilenen freigestellt, ob sie von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen werden oder nicht. Ich war ein bisschen schockiert. Wie kann man denn jemanden zwingen wählen zu gehen? Nicht für einen Kandidaten zu stimmen ist doch auch eine Art von Ausdruck der eigenen Meinung.
Bisher war es in Chile so gewesen, dass man sich wenn man wählen wollte in das Wahlregister eintragen musste. Wer nicht drin war konnte und brauchte natürlich auch nicht wählen gehen. Wer aber einmal drin stand war verpflichtet und musste bei Nicht-Abgabe der Stimme eine Strafe zahlen. Als das chilenische Volk 1989 aufgefordert war für oder gegen eine weitere Periode de Regierung unter Pinochet zu stimmen, hatten sich natürlich viele ins Wahlregister einschreiben lassen, um dafür oder dagegen zu stimmen.
Seid dieser Wahl ist jeder Wahlberechtigte in Chile im Wahlregister registriert.
Nun war der Aufschrei nicht gerade klein, weil nicht mehr als 43,1% der 13.404.084  Wahlberechtigten (so meine Quelle aus der Internetseite der Tageszeitung „LA TERCERA“) gestern zu den Wahltischen und Kabinen gingen. Mir scheint noch nicht ganz klar zu sein, ob dieser Prozentsatz seine Richtigkeit hat, weil auch schon längst Verstorbene, wie etwa der Expräsident Salvador Allende im Wahlregister auftauchten.
Nun kann man hin- und herüberlegen, warum der Prozentsatz so niedrig war. Sind die, die vorher nicht im Register waren, wie gewöhnlich nicht zur Wahl gegangen? Haben die, die sonst immer gezwungen wurden, ihr neues Recht genutzt und sind mal nicht hingegangen? Hat die Regierung zu wenig Werbung gemacht? Haben sich die Wähler nicht um die Kandidaten bemüht? (An riesigen Schildern auf der Straße, Hubkonzerte, Fahnen, Aufklebern und Werbung hat es meiner Meinung nicht gemangelt……) Wurden die Wähler nicht richtig darüber informiert, wie und wo sie wählen müssen? (Obwohl ich nicht Wahlberechtigte bin, wusste ich, dass man alle Infos auf einer Internetseite finden kann…Ich wusste sogar, dass man mit seinem abgelaufenen Personalausweis wählen gehen kann.) Ich fand es schon interessant, dass hier in Chile, nicht wie in Deutschland jeder Wahlberechtigte eine Wahlkarte mit Einladung und allen Infos zugesandt bekommt, sondern die Infos nur im Internet durch seine Ausweisnummer findet. Der Bürger muss sich also selbst bewegen…
Spannend waren auch die Fernsehübertragungen. Dort erfuhr ich, dass die Verantwortlichen in den Wahllokalen oder besser „Wahltischen“ einfach unter den Wahlberechtigten festgelegt werden. Und da kann es jeden treffen, auch berühmte Leute, wie etwa den Komiker Rodrigo Salinas, besser bekannt als „Ratoncito“ (Rättchen), der ganz verzweifelt versuchte die Mitbürger, welche an seinem Tisch wählen mussten, dazu zu überreden sich doch noch aufzuraffen. 

Die Wahlen wurden auch zu anderen Formen von Meinungsfreiheit genutzt. Vor dem Stadion, in welchem zu Beginn der Militärdiktatur viele Menschen umkamen, gab es eine Art Flashmob: Menschen in Kleidung der Siebziger und Achtziger Jahre knieten stumm, die Hände im Nacken auf dem Boden. Die Aktion war vermutlich ganz bewusst interpretationsoffen. Die Aktivisten äußerten sich nicht. Dass es sich um ein menschenrechtliches Thema handelte war natürlich offensichtlich. Auch auf eher unschöne Art wurde Unmut geäußert. Als der noch amtierende Bürgermeister des florierenden Stadtteils Providencia, Christian Labbé, auf dem Weg zum Wahltisch war, wurde ihm zugerufen Mörder zu sein, er wurde zu dem verbal angegriffen und es kam zu verschiedenen Rangeleien. Christian Labbé war Agent der chilenischen Geheimpolizei (DINA) gewesen. Die DINA war von Augusto Pinochet eingerichtet wurden und 1973 bis 1977 das Organ der Geheimpolizei. Sie ermöglichte die Diktatur und viele Menschenrechtsverletzungen. Als feststand, dass Christian Labbé seiner Herausforderin unterlegen war, meinte er, dass der Hass gesiegt hatte. Dies ist, denke ich nur ein Beispiel, wie komplex der Konflikt zwischen politsch links und rechts in Chile ist.

Eine Neuheit war es für mich als Leo meinte, dass es einen Unterschied macht, ob man gar nicht erst zur Wahl geht oder ob man den Wahlbogen durch falsches Vorgehen oder Bildchen annulliert, für mich war das immer das Gleiche: eine verlorene Stimme, aber vermutlich macht es in der Wahlbeteiligung einen Unterschied.
Nun will vielleicht noch einer wissen, wie die Wahlen nun ausgingen: Dafür hatten die jeweiligen Parteichefs der bedeutenden Parteien ihre eigene Interpretation. Mir fiel schon auf, dass nicht wenige Kandidaten aus eher linken Oppositionensparteien die Wahlen gewinnen konnten. Interessant ist es auf alle Fälle, dass es in zwei Kommunen Santiagos, die auch im Fokus der Wahlen waren, im Zentrum und wie schon genannt in Providencia (Da wo eines der Kirchgebäude meiner Gemeinde sehr günstig gelegen ist.) einen Wechsel gegeben hat. In beiden Kommunen waren bisher Männer von der rechten Regierungspartei UDI (Union Democrata Independiente) Bürgermeister gewesen. Nun wird dort die nächsten vier Jahre je eine Bürgermeisterin aus Oppositionsparteien die Geschicke in die Hand nehmen.

Freitag, 19. Oktober 2012

Pfarrkonvent und Kirchentag



Kirche von Osorno
Ich bin vor einer Woche Donnerstag mal wieder in den Süden gefahren. Es ist schon ganz praktisch. Abends setzt man sich in den Bus, schläft sofort ein (ich zumindest) und am nächsten Tag wacht man 1000 km südlich von Santiago wieder auf. Diesmal ging meine Reise nach Osorno, einer Stadt in einer Landwirtschaftregion. Außer Santiago ist sie die einzige Stadt, wo es Gemeinden von ILCH und IELCH gibt. Zunächst fand dort das Treffen aller Pfarrer der ILCH statt. Ich hatte erst kurz vor meiner Ankunft in die Einladung des Bischofs geschaut und festgestellt, dass ich eine Andacht halten sollte. Ich habe dann meine Kollegen zu ein paar Taizéliedern animiert und eine sehr kurze spontane Reflexion zu Psalm 91 gemacht. Ich denke, es tut den Pfarrern sehr gut, wenn sie sich ab und an mal zu Gesicht bekommen und austauschen. Probleme können direkt besprochen werden, Beobachtungen bestätigt werden und man stärkt sich gegenseitig.
Nun gibt es auch einen neuen Kollegen, der sich vorgestellt hatte. Er ist aus der Bayrischen Landeskirche von Mission Eine Welt für ein halbes Jahr entsandt wurden. Er wird sich um die Gemeinde in Puerto Montt kümmern.
Wir hatten die Gelegenheit die erste Hälfte eines Dokumentarfilmes über die IELCH und ILCH anzusehen, der gerade gedreht wird. Dort wird die Geschichte der lutherischen Kirchen in Chile dargestellt und ihre Situation heute geschildert, mit Zeitzeugen und lebendigen Eindrücken. Ich bin sehr gespannt, wann der Film fertig sein wird. Ich denke er kann auch zur Annäherung beider Kirchen und zum Verständnis überhaupt dieser Kirchen beitragen.

Auswahl der Bibelfigur
Am letztes Wochenende fand dann der Kirchentag in Osorno statt. Bisher war der Kirchentag immer nur ein Treffen von wenigen Vertretern der Gemeinden gewesen. Zu meist nur eine Veranstaltung, die den ganzen Tag stattfand. Dieses Jahr fand er zum ersten mal zwei Tage statt mit einem für die kleine Kirche reichen Angebot von Vorträgen, Workshops, Andachten, Chor- und Bandkonzerte, Anfangs- und Abschlussgottesdiensten, Veranstaltungen für Jung und Alt. Die zwei Tage standen unter dem Motto „Alma bendice al Senior“ – „Lobe den Herrn meine Seele“ nach Psalm 103 und dem bekannten Lied „Lobe den Herren den himmlischen König der Ehren“. Viele Veranstaltungen hatten etwas mit Musik zu tun, das Jahr 2012 der Lutherdekade unter Motto Reformation und Musik steht. So gab es einen Gitarrelernworkshop, ein Liederlernworkshop, Konzerte, der Bischof predigte über die Schätze und die Veränderung des christlichen Liedgutes, ich habe eine Taizéandacht angeboten… Ich war überrascht, dass diese auch unter den älteren Teilnehmern auf Begeisterung stoß. Meine Kollegen hatten mich auch gebeten etwas zum Thema Frauen in der Bibel zu machen. Ich mich dann entschieden ein paar interessante Frauenfiguren auszuwählen. Die Teilnehmer wurden dazu aufgefordert sich an Hand durch Bilder und kurze Sätze zu den Frauen eine Figur auszuwählen. Dann sollten sie entsprechende Bibelstellen alleine oder in der Gruppe zu lesen und sich an Hand von Fragen mit den Frauen und ihrer Situation auseinandersetzen. Vorgestellt wurde dies in kreativer Form, durch einen Brief, einen Dialog oder ein Interview oder eine Reflexion. Für viele Teilnehmer war dies überraschend, wurde aber mit Begeisterung aufgenommen, auch die Diskussionen in den Gruppen waren sehr lebendig.
Treffen der Jugendlichen
In Zuge der Vorbereitung des Kirchentages hatte es bedenken gegeben, ob auch wirklich alles umgesetzt werden kann, wie es mit dem Essen und den Unterkünften klappt und ob auch genug Gemeinden ihre Gemeindemitglieder motivieren können. Doch im Nachhinein war die Veranstaltung ein großer Erfolg. Es waren mehr als 200 Menschen da, was für ILCH und die riesigen Entfernungen zu einigen Gemeinden eine große Anzahl ist. Die Unterkunft in der dt. Schule war gemütlicher als erwartet. Die für die Organisation der Veranstaltungen Verantwortlichen waren in allen Dingen hilfsbereit und haben mir jede Bitte erfüllt. Es gab sogar wunderschöne lila-gelbe Schals, wie man auf Fotos erkennen kann.
Vielleicht hätte man noch mehr Menschen aus anderen Kirchen oder aus der Stadt einladen können.

Für mich war der Kirchentag eine weitere Gelegenheit die ILCH und ihre Gemeindemitglieder besser kennen zulernen und Kontakte zu knüpfen. Ich habe mir vorgenommen wegen der Jugendarbeit mehr Kontakt zu den Gemeinden im Süden zu halten, weil ja viele der Jugendlichen zum Studium in die Hauptstadt ziehen. Es nicht leicht diese zu motivieren, weiter in Kirche aktiv zu sein. Das Leben als Student in Santiago ist eben, ein ganz anderes als Schüler in der dt. Schule in einer kleinen Stadt zu sein, wo man in der Gemeinde mit seinen Freunden zusammen ist.
die Teilnehmer
Außerdem habe ich endlich Kontakt zur Frauenarbeit geknüpft und werde am 10. November zu einem Treffen aller Frauengruppen in Temuco fahren. Dort soll ich die Andachten aus Taizé noch einmal vorstellen. 
(Die Fotos sind nicht von mir, sondern von David Gysel, einem Fotografen und Sohn einer der Pfarrer.)

Dienstag, 25. September 2012

Krankenhausseelsorge in Chile



Am Montag hatte ich wieder einmal mit der „ONAR“ dem Nationalen Büro für religiöse Angelegenheiten zu tun.
Die Krankenhausbesuche aller Geistlichen und Freiwilligen aus religiösen Gemeinschaften wurden und werden neu geregelt. Bisher konnte jeder Patient einfach so besucht werden. Die katholischen Geistlichen hatten damit bisher kaum Probleme, sie wurden fast immer zu den Patienten gelassen. Doch  Freikirchlern und Pfingstlern wurde der Weg zu den kranken Gemeindemitgliedern oft versperrt.
Nun vergibt die ONAR von der Regierung aus für jeden Geistlichen und Freiwilligen aus den verschiedenen religiösen Gemeinschaften Ausweise, welche zum Besuch berechtigen. Zum Patienten wird man aber nach dem neuen Gesetz über die Rechte und Pflichten des Patienten nur gelassen, wenn dieser den Wunsch nach dem Besuch des Geistlichen oder eines Geistlichen seiner religiösen Herkunft ausgedrückt hat. Bei Eingang in das Krankenhaus wird die religiöse Identität erfasst.

Um diesen Ausweis zu erhalten, muss mein einen kleinen informativen Einführungskurs besuchen. Dieser hat mich nachdenklich gestimmt.
Aus der Sicht meiner Erfahrungen mit Krankenhausseelsorge in Deutschland halte ich den Besuch allein auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten für problematisch.
2007 hatte ich ein Seminar zur Krankenhausseelsorge gemacht und dabei jede Woche Patienten des Diakonissenkrankenhaus` in Leipzig besucht, die zumeist nicht nach einem Besuch gebeten hatten. Meine Erfahrung war gewesen, dass nur wenig Patienten sich einen seelsorgerlichen Besuch einfordern. Wenn ihnen aber ein Gespräch angeboten wird, nehmen sie dies oftmals dankbar an. Oftmals merken die Patienten im Gespräch, wie gut die Zuwendung, das Ohr eines Fremden tut. Überhaupt denke ich, dass ein Krankenbesuch zum meist bei der Initiative und des Angebots des Besuchers liegt. Wir hören vom kranken Freund und es selbstverständlich, dass wir nach dem Rechten schauen und unsere Begleitung und Unterstützung anbieten. Der Patient braucht Zuwendung. Und nicht immer kann er sie ausdrücken oder traut sich diese auszudrücken oder kommt auf die Idee sie auszudrücken. Die Initiative zum Krankenbesuch ist zudem eine der stärksten Ausdrucksformen christlicher Nächstenliebe, welche die Gottesliebe an den anderen vermittelt.

Doch die Situation in Chile ist recht komplex. Chile ist offiziell ein laizistischer Staat. Die Tradition, dass sich kirchliche Vertreter, wie Krankenhausseelsorger in den Krankenhäusern frei bewegen dürfen gibt es anscheinend nicht. (Darüber werde ich noch mal nachforschen…) Vermutlich war die Krankenhausseelsorge bisher eher von den Katholiken bestimmt. Doch mit dem Wachsen der evangelischen Kirchen ist es zu einer Konkurrenzsituation gekommen, die geregelt werden muss. Ich vermute, dass man vermeiden will, dass die Krankenhäuser als Missionsfelder genutzt werden.
Und gut, wenn ich als Geistlicher von der Krankheit eines Gemeindemitglieds erfahre, kann ich den Wunsch nach einem Besuch auch durch die Angehörigen erfragen oder kann mich in den Besuchzeiten vorstellen.

Der Kurs war nicht schlecht. Man erhielt gute Tipps zum Thema Hygiene und Vermeidung von Infektionen. Man wurde auf die spezielle Situation eines Besuches im Krankenhaus sensibilisiert und auf bestimmte Regeln aufmerksam gemacht. Außerdem wurde das oben erwähnte neue Gesetz erklärt und geschildert, wie man nun versucht das Gesetz umzusetzen.

Ich denke der Ausweis ist eine gute, wenn auch natürlich sehr bürokratische Erfindung, aber er schafft Gleichheit und hoffentlich auch mehr Sicherheit.
Ich bin gespannt, wann ich meinen ersten Krankenhausbesuch haben werde.

Donnerstag, 13. September 2012

Der weiß-rot-blaue September





Nun weht die chilenische Fahne auch vor meinem Haus. Seit dem ersten September sind sie immer mehr an den Gebäuden zu sehen. Jetzt hat fast jedes Gebäude eine Fahne. (Das war zur Zeit der Militärregierung sogar Pflicht.) Die Supermärkte füllen sich ebenfalls mit Fahnen, Girlanden und Schmuck in weiß-rot-blau, außerdem werden Grillutensilien, Wein, Chicha und Empanadas feilgeboten, alle andere Geschäfte und Institutionen schwelgen ebenfalls in weiß-rot-blau… Das „Dieciocho-fieber“ ist ausgebrochen. Wer einmal im September in Chile gelebt hat, weiß ganz genau was das heißt. Die Woche um den 18. und 19. September herum liegt das ganze Land lahm, um zu feiern. Der gute chilenische Wein wird genossen, chilenische Köstlichkeiten wie Empanadas werden verzehrt, es wird zu Hauf gegrillt, aber auch das Tanzbein geschwungen, vor allem die Nationaltänze Cueca und Cumbia. Die Kinder haben in den Schulen Auftritte, man geht auf eine Fonda oder Ramada um sich zu vergnügen. Der Frühling beginnt, das Wetter wird wärmer, es weht ein angenehmer wird und man lässt Drachen steigen. Dabei wird natürlich auch einiges an Geld ausgegeben, aber dafür bekonnt man auch einen Dieciochobonus.
Oft fahren die Chilenen weg, um die zwei freien Tage auszunutzen. Dieses Jahr kann das eine ganze Woche werden, weil der 17 auch offiziell frei ist und viele sich dann den 20. und 21. auch noch freinehmen. Die Staus aus Santiago heraus, werden bestimmt Kilomeeeeeeeeeeeeeeeeeeeterlang werden. Übernachtungsmöglichkeiten sind oftmals schon frühzeitig ausgebucht. In der Gemeinde fallen viele Veranstaltungen aus (Aber natürlich nicht die Gottesdienste, am 23. 09. bin ich wieder dran und habe meine erste Taufe.)
Am 18. September 1810 wurde Chile unabhängig und als eigenes Land gegründet. Der 19. September ist der Militärparade gewidmet.
Ich bin mal gespannt ob ich noch ins Dieciochofieber gerate. Vermutlich werden wir Leos Mutter in San Antonio besuchen. Vielleicht auch eine oder andere Veranstaltung hier in Santiago.
Mich fasziniert es unheimlich, wie sich einem Land alle zur gleichen Zeit auf das gleiche konzentrieren, das gleiche erleben, erfahren und machen. In Deutschland kann man so etwas schwer finden. Vielleicht ist es ein bisschen mit der Fussball-WM vergleichbar oder wenn Massenbewegungen entstehen, auch Weihnachten kommt da noch ein bisschen ran. Ich finde es schön, dass hier die Menschen etwas haben, was sie gemeinsam teilen und sie vereint. Für ein paar Tage lassen sie es sich gut gehen und vergessen den Alltag. Feiern zu können, ausgelassen sein ist, glaube ich, auch eine Ausdrucksform der Dankbarkeit für das, was man im Leben geschenkt bekommen hat.
Felices fiestas, feliz 18!!!!!!!!

Donnerstag, 16. August 2012

Altersheime, Gottesdienste, Gemeindeleben, Webseite und NO


Blick aus dem Fenster unserer Wohnung
Der Winter ist noch nicht vorbei. Bis jetzt war er sehr trocken. Nun hat es endlich einmal geregnet. In Chile gibt es den Spruch „Que pase el agosto!“ Dass doch der August vorüber geht. Erst dann wird es wirklich wieder wärmer. Auch meint man, dass, wen ein alter und kranker Mensch nicht im August stirbt, er noch lange leben wird.
Das zweite „Semester“ hat begonnen. Die Veranstaltungen in der Kirche finden wieder statt.
In den Altersheimen
Ich mache jetzt regelmäßig Besuche in zwei Altersheimen. In beiden wird sehr viel Deutsch gesprochen. Eine Dame, die ich besuche, beeindruckt mich sehr. Sie ist erst mit ca. 75 Jahren nach Chile gekommen, weil ihr einziger Sohn eine Chilenin geheiratet hat, ihr Mann aber schon vor langer Zeit gestorben ist. Sie war selbst sehr aktiv in der Kirche gewesen. Sie gibt mir immer Tipps, wen ich alles im Altersheim besuchen kann. Nach den Gesprächen versuche ich immer die Themen zu notieren. Da es mittlerweile einige (vor allem Damen) sind, die ich besuche, verliere ich doch langsam den Überblick, wer mir was erzählt und wie die Biografie ist.
 Eines der Altersheime ist offiziell  mit der Kirche verbunden. Dort mache ich gerade vertretungsweise einmal im Monat zweisprachige Gottesdienste. Normalerweise macht das Richard Wagner, ein Pfarrer in Rente. Er ist aber derzeit auf Deutschlandbesuch. Das ist für mich eine gute Übung vor kleinerem Publikum. Ich kann mir die Themen und Texte frei aussuchen.
Gottesdienste
In der Gemeinde habe ich einmal im Monat „Gottesdienstdienst“. Meistens muss ich immer zwei Gottesdienste halten. Einen auf Spanisch und einen auf Deutsch, manchmal sind es auch drei Gottesdienste. Für mich ist die Vorbereitung noch recht aufwendig. Meistens schreibe ich die Predigt auf Deutsch und übersetze sie dann. Es ist nicht ganz doppelte Arbeit, aber vielleicht die Hälfte der Vorbereitung von einem Gottesdienst. Im Spanischen bin ich oft nicht zufrieden, weil ich doch nur eingeschränkte „Ausdruckskapazitäten“ besitze. Wir benutzen hier die gleiche Perikopenordnung, wie die sie sich in der deutschen Agende vorfindet. Mich erwischen meistens die Paulustexte, so dass ich sehr zu „Erklärpredigten“ neige und die Einfühlung in die Situation von Paulus als Aufhänger nehme. Im Juli ging bei jedem Gottesdienst irgendetwas schief. Im ersten dt. war das Mikro zu leise und ich habe die Hinweise zum Aufstehen vergessen, ansonsten klappte es aber gut. Beim spanischen merkte ich, dass ich nicht ausreichend genug auf die Beherrschung der Texte vorbereitet hatte. So fit bin ich einfach noch nicht, dass ich aus der kalten heraus vom vorbereiteten Predigtablauf abkommen kann. Auch habe ich den Psalm zu schnell angesagt und den Gottesdienstbesuchern war nicht klar, wie der gelesen werden sollte. Im zweiten deutschen Gottesdienst hatte ich völlig vergessen, dass ich die Begrüßung erst nach dem ersten Lied machen wollte. Die Gottesdienste diese Woche liefen schon viel besser ab. Diesmal hatte ich meine spanische Predigt einmal vorher durchgelesen und verbessert. Allerdings habe ich beim deutschen Gottesdienst das Fürbittengebet und das Vater Unser vergessen. Aber da dies ein Abendgottesdienst ist, hat vielleicht annehmen können, dass ich dies mit Absicht getan habe, um den Gottesdienst zu verkürzen… Diese Woche habe ich mich zum ersten Mal getraut ein Lied mit der Gitarre zu begleiten und es hat ganz gut geklappt und kam auch gut an. Wie die Gottesdienste und Predigten allerdings im Allgemeinen ankommen erfahre ich sehr selten. Die Besucher bedanken sich meistens und verschwinden dann schnell. Das ist für mich ein bisschen seltsam. So erfahre ich nicht, was ich verbessern sollte und ob man meinen Gedanken gut folgen kann. Ich habe mir vorgenommen mal ein Predigtnachgespräch zu machen.
Mittlerweile wissen schon viele Gemeindemitglieder, wer ich bin. (Dank der Gottesdienste und einem Interview, was ich einer deutschsprachigen Zeit hier, dem „Condor“ geben musste.) Mir ist dann meistens nur das Gesicht vertraut, was dann immer etwas peinlich ist. Aber wenn ich den Mitgliedern nur nach dem Gottesdienst kurz ins Gesicht schauen kann, ist es schwierig, sie richtig kennenzulernen und sich zu merken, wer nun wer ist.
Aktivitäten der Gemeinde
Chile ist ja ein einziger Strand
Mein Junger-Erwachsener-Kreis mit Bibellektüre hat auch mit viel Energie angefangen. Der Kreis hat sich um einige Teilnehmer vergrößert. Wir sind jetzt bei Abraham angekommen und haben uns für dieses Semester die Erzelterngeschichten vorgenommen. Auch die Jugendgruppe hat eine Planung mit spannenden Themen aufgestellt.
Sehr interessant und hilfreich sind für mich auch die Treffen mit einer Gruppe, in der wir ein systematisch-theologisches Einführungsbuch von Theologen der evangelischen Fakultät in Buenos Aires lesen („Nuestra Fe“). Das Buch ist sehr gut und leicht lesbar geschrieben und ich bin jedes Mal bei der Vorbereitung begeistert. Die Herangehensweise der beiden Theologen ist sehr nachvollziehbar für mich. Außerdem kann ich mein theologisches Vokabular erweitern und neue Ausdrucksmöglichkeiten entdecken.
In der Gemeinde trifft sich ein ökumenischer Gospelchor. Sie hatten im Juli einen Gottesdienst ausgestaltet. Da habe ich Feuer gefangen. Ich vermisse die Singerei sowieso ein bisschen. Am Montag war die erste Probe. Man kommt schnell in die Lieder rein. Die Mitsänger sind sehr offen und freundlich, recht international. Es geht in dem Chor vor allem darum jeden integrieren und Freude am Singen zu haben, ohne irgendwelchen Leistungsdruck. (Haha, da habe ich gleich zum Besten gegeben, dass man mich in Dresden mal aus einem Gospelchor rausgeworfen hatte, weil ich zu schlecht war…Ich denke, es lag eher daran, dass ich mich auch nicht 100% wohl gefühlt hatte, integriert wurde und dem entsprechend kein Selbstbewusstsein hatte.) Ich weiß aber nicht, ob ich, wenn sie dann im November jede Woche proben immer hingehen kann.
Webseite der ILCH
Neben dem Besuch und der Mitarbeit in den einzelnen Gruppen habe ich ein Webseitenprojekt für die Gesamtkirche begonnen. Ein Gemeindemitglied und Theologiestudent Miguel kümmern sich um die technische Dinge und Gestaltung. Ich habe davon ja nicht wirklich viel Ahnung und quäle mich auch ein bisschen durch. Aber immerhin habe ich gelernt, wie man so eine Seite aktualisieren kann. Ich koordiniere, dass Texte verfasst werden und habe auch selber Texte geschrieben, Bilder zusammen gesucht. Nun ist die Seite schon sichtbar, aber es fehlen noch ein paar Inhalte. Da die Server manchmal nicht so flott sind, kann man mit so einer Webseitenaktualisierung sehr viel Zeit verplempern. Leider haben auch nur wenige der Gemeinden Inhalte geschickt, um die Seite noch attraktiver zu machen. Hier der Link: www.iglesialuterana.cl
Was sonst noch passiert
Santi im Schnee
Ich und meine Computer haben eine seltsame Beziehung. Der Bildschirm ist mittlerweile an einigen Stellen matsch, aber zum Glück noch ca. zu dreiviertel der Fläche benutzbar. Passiert ist das Ganze vermutlich bei der Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Anscheinend war ich dem Busfahrer zu langsam in den schon recht vollen Bus eingestiegen, so dass er die Tür schloss und mein Rücksack noch halb draußen hing. Ich fuhr dann eine Station den Rucksack außerhalb der Tür haltend. Nun überlege ich, was ich mache. Für fast die Hälfte des Preises eines neuen Computers, ähnliches, aber nach jetzigem Standart besseres Modell, könnte ich den Bildschirm erneuern. Mein Bedenken ist natürlich, dass sich mein Computer dann nach der Erneuerung dennoch bald aus irgendeinem anderen Grunde verabschiedet. Diese Erfahrung habe ich schon einmal gemacht.
Leo arbeitet bei einer staatlichen Bank, wo die Mitarbeiter an ihrem Geburtstag frei haben. Das haben wir am 20. Juli ausgenutzt und sind ins „Cajon de Maipo“, ins Flussbett oder Tal des Maipo gefahren. Ganz weit oben in den Bergen lag dann auch noch dicker Schnee, den man ja sonst nur weit weg auf den Bergen sehen kann, wenn es mal geregnet hat.
Letzte Woche war ich in einem spannenden chilenischen Kinofilm („NO“) über die Entstehung eines Kampagnefilmes gegen die Verlängerung der Regierung Pinochets im Jahre 1988. Vor der Volksabstimmung konnten beide Seiten Werbefilme 15minütige Werbefilme senden. Sehr interessant ist es, dass die No-Kampagne mit Erkenntnissen der Werbeforschung arbeitete und auf ein fröhliche, bunte, positive und Stimmung machende Atmosphäre setzte. Der Trailer auf Spanisch: http://www.youtube.com/watch?v=L43ZTdVozLQ Ich vermute ganz stark, der Film auch in deutschen Programmkinos zu sehen sein wird.